Reise der Hoffnung

Über die Stacheldrahtzäune, die Frankreich von der Schweiz trennten, gelangten während des zweiten Weltkrieges jüdische Flüchtlinge in die Schweiz. Der Cole de Balme und die Nacht halfen ihnen dabei. Von Andrea Kessler
Dieser Beitrag erschien in Ausgabe Nr. 8

 

Der dicke Mont Blanc hockt gemütlich im Sonnenschein, die Wiesen sind warm und saftig und die Refuge de Col de Balme geschlossen. Keine Saison heute. Wandersleute wissen sich jedoch zu helfen und kramen in ihren Rucksäcken nach belegten Broten. Urplötzlich frischt der Wind auf und beginnt an Kleidern und Nerven zu zerren. Wolken rotten sich über dem Mont Blanc zusammen. Seine Gemütlichkeit ist augenblicklich Geschichte. Wer kann, der geht. Heute können fast alle. Noch vor siebzig Jahren sah das für hunderte verfolgter Menschen anders aus. Ihr Ziel: von Argentière, das weich zwischen den Hügeln schläft, über den Pass nach Trient zu gelangen – das nächste Tal, auf der anderen Seite der Grenze, zwischen steilen Felsen zerstückelt und langgestreckt. Aus dem besetzten Frankreich in die nazifreie Schweiz. Anni Ebbecke war eine davon.

Tag eins. September 1942
Im Untergeschoss der Kirche in Argentière löffeln Anni und ihr Mann Hans eine Suppe, die ihnen der Pfarrer zur Stärkung gebracht hat. Neben ihnen sitzen stumm vier andere Flüchtlinge, ihre Bekannten. Gemeinsam warten sie auf ihren Passeur, der sie über den Pass bringen soll. In die Sicherheit. In die Schweiz. Alles ist vorbereitet und geplant, die Route über den Col de Balme ins Wallis festgelegt. Bei Einbruch der Nacht ist der französische Bergführer da. Über die waldlosen Hänge geht es sich besser, wenn die Nacht sie bedeckt und die Augen der Grenzwächter nicht gut sehen. Aber die Flüchtlinge sind geschwächt und untrainiert. Mühselig kämpfen sie sich hinter dem Bergführer zum Pass Col de Balme hinauf. Der schneeweisse Mont Blanc leuchtet hinter ihnen hell im Mondlicht Der Fluchthelfer kennt den Weg zur Schweizer Grenze haargenau. Er geht ihn nicht das erste Mal in diesem Jahr. Seit im Norden die Wehrmacht und im Süden die italienischen Faschisten immer weiter vorrücken, suchen Juden und politisch Verfolgte zunehmend Wege über die Gebirge bei Chamonix, um in die Schweiz zu gelangen. Anni und Hans haben Zürich als Ziel vor Augen, während sie sich höher und höher quälen. Doch oben kommt es anders, als vereinbart. Der Führer deutet ins Dunkel hinaus und sagt noch: "Sie sind schon mit einem Fuss in der Schweiz. Steigen Sie nach Trient und Le Chatelard ab." Dann lässt er die Gruppe allein. Völlig orientierungslos irren die sechs durch die Nacht, kommen vom Weg ab, kämpfen sich über einen Kamm, am Abgrund entlang bei eisigem Wind und Regen, bis sie nicht mehr können und erschöpft unter hohem Gestrüpp einschlafen.

Hätte Anni einen Führer nicht nur auf der französischen, sondern auch auf der Schweizer Seite gehabt, sie wäre in die Schlucht abgestiegen und nicht dem Kamm nachgelaufen. Dort liegt der direkte Weg, der vom Col de Balme in das 1000 Meter tiefer liegende Trient führt. Wären sie nach rechts anstatt nach links vom Weg abgekommen, hätten sie es nicht verfehlt. Die Refuge de Col de Balme wirft dort ihren Blick über das Tal hinaus, über den nächsten Pass. Den Col de la Forclaz. Aber davon haben Anni, Hans und ihre Freunde nichts gewusst. Kaum ist man auf der anderen Seite des Kamms, flacht der Wind ab. Nach einem gemüchlichen Abstieg von fünfzehn Minuten wäre die Gruppe an Not-unterkünften vorbei gekommen. Zumindest eines steht heute noch als Zufluchtsort für die Wanderer, an der Tür eine freundliche Einladung an Schutzsuchende. Denn Wetterumbrüche sind keine Seltenheit, und auf über 2000 Metern Höhe können sie schnell eisig werden.

Davor warnt auch der ortskundige Bergführer Didier Gay-Crosier immer wieder. Er ist schon in der siebten Generation hier ansässig. Bereits sein Grossvater ist über die Gletscher gegangen. Besser man hört auf ihn. 

Tag zwei. September 1942
Die Flüchtlinge sind beim ersten Tageslicht wieder wach und kriechen unter den Stauden hervor. Sie sind hungrig, die Knochen schmerzen. Das erste Mal überhaupt in den Bergen, ohne Karte und Anhaltspunkte unterwegs, steht es auch an diesem trüben Morgen nicht besser mit der Orientierung. Sie wissen nicht, welche Richtung die richtige ist. So kommen sie nicht weit. Ein Grenzwächter entdeckt sie und zeigt ihnen den Weg in die Schweiz. Der nächtliche Irrweg hatte sie wieder nach Frankreich zurückgebracht. Jetzt, im Tageslicht, sehen sie die geheimen Pfade etwas besser und kommen sicher bis zum Tête Noir, wo sie in einem kleinen Hotel aufgenommen werden. Sie erhalten richtige Betten und anständiges Essen. Überglücklich telegrafieren sie ihren Freunden in Zürich. Wir sind in der Schweiz!

Vor ihnen sind schon einige Flüchtlinge über den Col de Balme gekommen – und wurden erwischt. 1942 zählen die Belegbücher allein im September 152 Festnahmen und 53 Zurückweisungen. Sechs davon sind Anni, Hans und ihre Freunde. Sie hatten sich zu früh gefreut. Wenige Stunden nachdem sie das Hotel erreicht hatten, steht das Unglück vor der Tür. Ein Bote fordert sie auf, augen-blicklich beim Polizeiposten in Trient vorzusprechen. Dort werden sie angefeindet. Anni nennt das so. "Bei der Schweizer Polizei teilte uns ein Offizier schroff mit, dass Flüchtlinge seit Mitternacht nicht mehr in die Schweiz gelassen würden. Also würden sie uns nach Frankreich zurückschaffen". Demnach soll gerade in der Zeit, als sie unter den Stauden im Regen vor Erschöpfung eingeschlafen sind, ein Gesetz in Kraft getreten sein? Am 25. September stellt eine Revision des Bundesgesetzes von 1940 über die Flüchtlingspolitik tatsächlich die Fluchthilfe unter Strafe. Die Grenzen sind für jüdische Flüchtlinge aber bereits seit dem 13. August des Jahres dicht. Das Boot sei voll. Anni, ihr Hans und alle anderen werden an den Fuss des Col de Balme zurückgekarrt und aufgefordert, hinüberzulaufen. Zu Fuss zurück nach Frankreich, zu den Faschisten und Nazis.

Trotz der herben Rückschläge bei ihrem Fluchtversuch kehrten Anni und Hans im folgenden Jahr erneut an den Col de Balme zurück. Diesmal gelang es ihnen, unentdeckt in die Schweiz zu kommen.

2012. Grenzenlos
Im Relais du Mont Blanc war am Abend kurzzeitig Heimeliges Beisammensein eingekehrt. Das tagsüber fast ausgestorben Trient lebt durch die ankommenden Wanderer am Ende des Tages kurz auf, doch bereits beim Frühstück ist dies wieder in Vergessenheit geraten. Schweigend trinkt jeder seinen Kaffee und schmiert sich Brote für unterwegs. Dann streuen sie aus: Nach Champex, in Richtung Genf, oder dem Chalet de Glacier zu, am Fuss des Trient-Gletschers. Über diesen Gletscher ist Fernand Gay-Crosier, Didiers Grossvater, einige Male gegangen. "Gerne hat er nicht darüber gesprochen. Nach zwei Wörtern war wieder Schluss." Didier schüttelt lächelnd den Kopf bei der Erinnerung an seine Versuche, den Grossvater auszufragen. Im Zweiten Weltkrieg war das Bergsteigen für seinen Grossvater kein Spass – er tat es, um seinen Freunden und seiner Familie drüben in Frankreich zu helfen. "In diesem Tal hatte man vorher ohne Grenze gelebt", erklärt Didier. Über die Gipfel und Grenzen hinweg wurde geheiratet, gefeiert und gelebt. Doch dann kam der Krieg, die Zeiten änderten sich schlagartig. Die Grenze wurde sichtbar, spürbar und immer schwieriger zu überwinden. "Mit Freunden ist mein Grossvater zum Gletscher Trient aufgestiegen und hinüber gelaufen, über das Eisplateau bis zu den Bergen an der französischen Grenze. Dieser Weg war der sicherste, um unentdeckt zu bleiben. Niemand patroullierte dort oben." Von Frankreich aus sind die Freunde zu denselben Gipfeln aufgestiegen, Essen und Medikamente wurden überbracht, Neuigkeiten ausgetauscht und neue Treffen abgemacht. Welche Wege damalige Flüchtlinge gingen, weiss er nicht. Vor Jahren hat ein alter Mann ihm noch die klandestinen Wege gezeigt, aber der Wald hat einige Flüchtlingsrouten geschluckt und versteckt.

Nach dem Pass die Bunker
"Wenn jemand über den Col de Balme gelaufen ist, hat man das gut gesehen. Dort wächst kein einziger Baum und auf der französischen Seite ist es noch besser einsehbar", sagt Didier. Und tatsächlich, mit blossem Auge sieht man hier jeden, der vom Col de Balme herunter kommt. Und auch weiter unten waren die Flüchtlinge ständig in Gefahr, entdeckt zu werden. Plakate in den Dörfern riefen die Bevölkerung auf, Fremde umgehend zu melden. Wer es unbemerkt bis Trient geschafft hatte, dem stand noch die letzte Etappe bevor, ehe die Weite des Rhone-Tals erreicht war. Das letzte Wegstück war zugleich das Heikelste. Es führte auf den Col de la Forclaz – nicht durch Stacheldraht, sondern entlang einer der bestbewachten Strassen jener Zeit. Hier standen zwei Bunker. In den Bunkern Kanonen. Im Visier der Kanonen die Passstrasse und diese war zusätzlich mit Sprengladungen vollgepackt. Für den Fall, dass die Deutschen versuchen sollten, über die Berge zu kommen. In der Mitte der zwei Bunker stehen einige Tannen um ein altes Haus, hier lebte Didiers Grossvater. Auf dieser Strasse voller Militär war es nicht besonders schwer, Ortsunkundige aufzugreifen. Im Hotel de la Forclaz hat man ihnen ein Bett bereitet und sie am nächsten Tag nach Martigny gebracht – so war die Vorschrift. Kaum jemand erinnert sich heute, dass die Grenze gleich links vom majestätischen Mont Blanc, von einem munzigen Stein bezeichnet, für viele Menschen einst ein solches Gewicht hatte. Die Zeit hat die Geschichte der Flüchtlinge geschluckt, wie sie hier so vieles zerfrisst und wie der Wald die Flüchtlingswege unter sich begrub.

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