Lebensmittel wegwerfen als System

Menschen pochen zu Recht auf Ihre Individualität mit allen Ecken und Kanten. Bei natürlichen Lebensmitteln akzeptieren wir dies jedoch nicht. Für Tafeläpfel beispielsweise existiert ein 19-seitiges Dokument mit Normen.
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Jeder Mensch sieht anders aus und trotz steigender Schönheitsoperationen wird dies ganz allgemein akzeptiert. Was für den Menschen gilt, wird für natürliche Nahrungsmittel „nur“ sehr bedingt akzeptiert. Wussten Sie beispielsweise, dass ein 19 seitiges Dokument zu Normen und Vorschriften für Tafeläpfel existiert? Ein Rüebli, welches im Farbsensor nicht den richtigen Orangeton erreicht, werden Sie nie in einem Detailhandelsgeschäft zu Gesicht bekommen. Diese nicht der Norm entsprechenden Exemplare landen entweder im Tierfutter oder werden erst gar nicht geerntet. Alle wollen natürliche Produkte, doch diese sollen gefälligst alle wie industriell gefertigte Massenprodukte aussehen. Ein Widerspruch in sich.

Wie halten Sie es mit der ganz persönlichen Lebensmittelkontrolle? Was tun mit einem Joghurt, welches gemäss Haltbarkeitsdatum gestern abgelaufen ist? Bei einer Mehrheit der Konsumenten landet dieses Produkt ungeöffnet im Abfall. Obwohl gerade ein Joghurt bei sachgemässer Lagerung noch einige Tage über das aufgedruckte Haltbarkeitsdatum hinaus genossen werden kann. Warum machen wir es nicht wie unsere Vorfahren und verlassen uns auf den gesunden Menschenverstand und die fünf Sinne?

Nahrungsmittel sind in unseren Breitengraden für viele Menschen zur günstigen Massenware geworden. Wir müssen nicht mehr hungern. Ein unbezahlbares Geschenk, welches wir jedoch zu wenig schätzen und statt dieses weiter zu verschenken, ganz egoistisch für uns behalten und den Überfluss am Ende vernichten. Aktuelle Zahlen der Welternährungsorganisation der UNO (FAO) gehen davon aus, dass weltweit ein Drittel Essware nicht verwertet im Abfall landet.

Europa entsorgt gemäss Erhebungen pro Kopf und Jahr rund 280 Kilo vermeidbarer Lebensmittelabfall. Ein Beobachter Artikel darüber hat für die Schweiz ein sehr anschauliches wie auch trauriges Bild davon gezeichnet. Die Lebensmittelabfälle für die Schweiz pro Jahr hätten in 55000 vollbeladene Lastwagen Platz. Würden wir diese Lastwagen alle aneinander reihen, wäre dies gleichbedeutend mit einer vierspurigen Autobahn längs durch die Schweiz Noch düsterer werden die Farben, weil „nur“ ein kleiner Teil dieses eigentlich noch geniessbaren Lebensmittelmülls bei karitativen Organisationen wie Caritas-Markt, Tischlein deckt dich und Schweizer Tafel landet.

Generelle Schuldzuweisungen vorzunehmen, dient nicht der Besserung. Wir alle tragen unseren Anteil an diesem Wegwerf-System. Bei einer Kartoffel geht die FAO davon aus, dass von 100% Ernte gerade mal noch 32% im Magen der Konsumenten angekommen. Während der gesamten Versorgungskette gehen also rund zwei Drittel verloren. Sei es durch die angesprochenen Produktnormen und Vorgaben an die Kartoffel, Lager- und Transportverluste oder auch durch uns Konsumenten, die zu viel eingekaufte Ware im Müll entsorgen.

Um das kranke Wegwerf-System von Nahrungsmitteln generell zu verbessern, sind wir als Konsumenten gefordert. Kritische Konsumenten. Oder wollen Sie eine Zukunft mit einem Einheitsmenschen? Die Natur und das aus ihr entsprungene Rüebli vielleicht auch nicht?

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Pascal Merz

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