Keiner Schuld bewusst

Ein Pladöyer für den Blitzkasten – von Jan Heiss (Text), Karl Grauhaus (Illustration)
Dieser Beitrag erschien in Ausgabe Nr. 5

Ungeachtet der Wetterlage, schiessen täglich rund 5’000 Blitze durch die Schweiz. Schlagen ein, gezielt und ohne ein Donnern nach sich zu ziehen. Höchstens ein Murren, ein böses Fluchen vermögen sie zu bewirken. Unbeliebt schiesst das aufschnellende Licht dem Getroffenen, Geblitzten, dem Temposünder entgegen. Und doch vereint der Blechpolizist Attribute die schon so manchen Action-Helden gross gemacht haben.

Wer gedenkt, das sich über 71’000 Kilometer erstreckende Schweizer Strassennetz einmal abzufahren, darf dabei auf die Begegnung mit rund 800 eisernen Ordnungshütern zählen. Ruhig stehen sie da, in dezentem Grau oder Olivegrün gekleidet, fest verankert, die Routen unseres Landes säumend. Ihre Haltung stolz, ihr Blick von oben herab, linsen sie durch ein winziges Fensterlein auf die an ihnen vorbeiziehende Strasse. Die edle Absicht zu Grunde, unsere Strassen zu einem sichereren Ort zu machen, in stetigem Einsatz, bei Wind und Wetter haltenm sie ihren Posten. Und trotzdem, kaum eine technische Errungenschaft wird weniger geschätzt als der Blitzer. Vor ihm wird gewarnt, ab und an wird er gar verflucht. Zu unrecht.

Im Dienste der Polizei, Stahlbepackt und mit Laser ausgerüstet; in ähnlichen Formationen sorgten solche Attribute bereits für Kult-Status. Mit kaum mehr schaffte es RoboCop in den 1980er Jahren in gleichnamiger Hollywood-Produktion zu Ruhm und Ehre. Ausgereifte Computertechnik gekleidet in einen Mantel aus Stahl; ebenso Markenzeichen hiesiger Blechpolizisten, wie der verfilmten Marvel-Comic-Figur „Iron Man“. Der Heldenstatus aber, bleibt schweizerischen Eisen-Männern vorenthalten. Dabei können „unsere“ stählernen Polizisten noch mit weit mehr glänzen - gar blitzen - als ihre fiktive Gefolgschaft aus Hollywood. Unvoreingenommen stehen Sie eisern für die Gleichstellung vor dem (Strassen-)Gesetz. Noch so viel kriminelle Energie mag dem Boliden unter der Haube liegen, der mit der Kraft einer ganzen Horde Pferde auf sechs Zylinder verteilt vorbeizieht. Die Toleranz des Blechpolizisten bleibt sich die gleiche, die Bauer Brändli beim Passieren mit Moped erfährt. Sogar noch, wenn der als Delinquent abgelichtete Temposünder –mit Moped oder Bolide – erzürnt und missschicklich das Bein seines Überführers mit harten Tritten peinigt, wird dies schweigend erduldet. Im grossen Kollegium der Polizei würden solche Beintritte selten ebenso ehrenhaft hingenommen wie von den grauen „Jungs“ an den Strassenrändern.

Damit nicht genug. Politisch primär als vorbeugende Massnahme klassifiziert, darf man die Blitzer wohl als einnahmeträchtigste Präventionskampagne der Schweiz bezeichnen, die dazu – mindestens nach eigens erfahrener Wirkung – wesentlich effektiver einschlagen als das SUVA-Plakat an der Bushaltestelle.

Und während wir, auf dem Weg nach Hause oder fort von ebenda, einen Blitzer kreuzen, leicht übersetzt in der Geschwindigkeit, gesteht er uns mit seinem Aufleuchten ein, gescheitert zu sein. Seinen Zweck, sein Ziel – die Prävention – hat er verfehlt noch dazu gibt er dies ehrenwert zu. Wenn Sie in naher Zukunft einer Temposünde blitzend behelligt werden, noch während Sie, ohnehin vergeblich, Ihren rechten Fuss auf das Bremspedal versetzen, die Schuld wurde Ihnen bereits abgenommen. Verfehlt hat der Blitzer, verloren hat Kommissar Blech im Auftrag der Prävention.

Mit seinem Verlust liegt der Sieg mutmasslich bei Ihnen. Damit hätten Sie gewonnen. Und das gegen, „Mr. Blitz“. Und irgendwie auch gegen RoboCop und Iron Man. Geniessen Sie den Augenblick, stellen Sie Ihre Sitzlehne etwas zurück, lassen den Tachometer leicht abfallen. Linsen Sie nicht minder stolzen Blickes aus Ihrem Fenster auf die vor Ihnen liegende Strasse. Und dann auf das umliegende Land. Ihnen liegt die Welt zu Füssen, nicht nur ein Strassen-Abschnitt. Der stählerne Kasten indes bleibt stehen, als verkannter Held, in würdiger Mission und fast noch, vergibt er uns unsere Schuld.

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