Glarner Gold Rush

Hunderte sägten einst am Eis im Klöntal: Brauereien, Hotelbetriebe und Spitäler kühlten ihre Ware bis in die 1950er-Jahre damit. Und es wurde sogar bis nach Köln, Paris oder Marseille exportiert. – von Nina Huber
Dieser Beitrag erschien in Ausgabe Nr. 4

Die enge Straße windet und schlängelt sich immerzu hinauf. Wer sie schon mit dem Velo befahren hat, weiß, dass sie auch ganz schön steil ist. Von Glarus her kommend zieht es sich, bis sich bei Rhodannenberg auf 850 Metern über Meer endlich der Blick auf den Klöntalersee auftut. Still, spiegelglatt, eingekesselt von Glärnisch und Wiggis liegt er da, der See, den ein mächtiger Bergsturz geschaffen hat. Seinen Namen erhielt er von der Klön, die in den See mündet, «Chlü» auf Glarnerdeutsch. «Wänn ich ids Chlüntal goh, zum blaue See, dä bliebi ewig stoh, will alles gseh. Lueg wie schön dä Chlüntelersee, so nä See gits keine meh», heißt es im Liedtext von Balz Stüssi.

So idyllisch war es am Klöntalersee nicht immer. Während gut 50 Jahren herrschte hier Winter für Winter ein emsiges Treiben: Der Klöntalersee war Schauplatz der Eisgewinnung. Dafür ist er geradezu prädestiniert. Die Sonnenstrahlen schaffen es im Winter an manchen Tagen gar nicht bis zum See, sodass es hier bitterkalt wird. Dann bildet sich eine harte Eisschicht, die im Januar eine Dicke von bis zu 50 Zentimetern erreichen kann. Der aufkommende Tourismus und die damit verbundene Hotellerie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verlangten nach neuen Lösungen für die Kühlung großer Mengen von Lebensmitteln. Und so begannen einzelne Netstaler im Jahr 1862, Eisblöcke aus dem See zu schneiden und über Winter zu lagern. Schnell wurden daraus ein paar Dutzend Männer, die bewaffnet mit langen Sägen, Pickeln und Schwarzpulver den See stürmten. Sie sprengten ein Loch in die dicke Eisschicht, sägten anschließend Eisblöcke von ungefähr einem Quadratmeter Fläche aus und verlegten eine Schiene aus Baumstämmen vom Loch aus auf die feste Eisschicht, wo Pferde mit Schlittengespann bereit standen. Mehrere Männer zogen dann gemeinsam mithilfe eiserner Haken die Eisblöcke über die Baumstämme zu den Schlitten.

Goldgräberstimmung macht sich breit
Bald schon bemerkten auch andere Bauern und Taglöhner aus dem Tal, dass sich mit «Gletschern» Geld verdienen ließ. Bereits wenige Jahre später herrschte eine richtige Goldgräberstimmung. Die Neue Glarner Zeitung berichtete im März 1873: «Der Klöntalersee ist ein eigentliches Kalifornien geworden. Jedermann will reich werden.» In jenem Jahr wurden täglich 80 000 Kilogramm Eis zur Bahnstation nach Netstal und Glarus geführt. Von dort wurde es mit der Bahn nach Zürich und Bern in Bierbrauereien, Spitäler, Hotels und Konditoreien versandt. Bisweilen wurde das gefrorene Wasser aus dem Klöntal sogar bis nach Köln, Paris und Marseille exportiert. Selbst Ozeandampfergesellschaften waren Abnehmer vom Klöntalereis, weil es im Vergleich zu Eis aus Nordländern weniger gekostet haben soll.

Vier Jahre später schrieb wiederum die Neue Glarner Zeitung von mehreren hundert Arbeitern, die auf dem See mit dem Aussägen und Aufladen der Blöcke auf die Schlitten beschäftigt waren. Der Klöntalersee muss einem Ameisenhaufen geglichen haben. Raufereien waren an der Tagesordnung, etwa wenn ein Eisexporteur nicht zufrieden war mit dem Areal, das ihm der Eisaufseher zugewiesen hatte. Die Aussicht auf einen Zusatzverdienst im Winter zog nicht nur Bauern aus dem Tal, sondern auch Fuhrleute aus dem Bezirk March des Nachbarkantons Schwyz an. Diese wiederum logierten und verpflegten sich in den ansässigen Gasthäusern, was die Wirtschaft zusätzlich ankurbelte.

Zuweilen seien es über 300 Fuhrleute gewesen, die zweimal täglich den Weg vom See nach Glarus zurücklegten. In jenen Jahren waren so viele Fuhrwerke unterwegs, dass es sogar eine polizeiliche Regelung brauchte. Denn die Straße ins Tal war so schmal, dass kaum zwei Schlitten aneinander vorbeikamen. Also durfte die Straße nur einspurig befahren werden, was bedeutete, dass alle beladenen Fuhrwerke gleichzeitig ins Tal hinunter und anschließend hintereinander leer wieder hochfahren mussten. Die Neue Alpenpost empfahl im Jahr 1877 ihren Lesern, sofort zu flüchten, sollte man der Kolonne begegnen, «denn das Defilieren dieser Wagenburg dauert in dem schrecklich zusammengekarrten Weg über eine Stunde. Man hat dabei vielfache Gelegenheit, das Fuhrmannslexikon in seinen hervorragendsten Flüchen kennenzulernen».

Um den Engpässen auszuweichen, wurden entlang des Sees mehrere Gletscherhütten als Vorratsspeicher errichtet, wo das Eis zwischengelagert und teilweise erst im Sommer weiter transportiert wurde. Der Handel mit dem Eis wurde nicht nur auf dem Klöntalersee betrieben. Auch auf dem Davosersee war das «Gletschern» beliebt, ebenso wie auf dem Lac de Joux und dem Katzensee in Zürich-Affoltern. Milde Winter waren für das Klöntal besonders lukrativ, dann nämlich bildete sich in den kleineren Seen im Mittelland nicht genügend Eis.

Der Preis der Gesundheit
Wie einträglich der Eishandel war, zeigt sich an der Wertgewinnung des Eises innerhalb eines Jahres: Während zu Beginn des Winters 1877 für einen Zentner Eis (ca. 50 Kilogramm) 30 Rappen bezahlt wurden, kostete die gleiche Menge im Februar bereits 1.50 Franken. Trotzdem: Richtig reich wurde man mit der harten Arbeit nicht. Zumal auch bald dem Kanton klar wurde, dass mit dem Eishandel Geld verdient werden konnte. So erließ die Landsgemeinde 1874 ein Gesetz, wonach pro Zentner gewonnenes Eis dem Kanton eine Gebühr entrichtet werden musste. Dazu kam, dass nach 1877 für die Straßen eine Benützungsgebühr von einem Franken pro Schlitten beziehungsweise von zwei Franken für Zweispänner erhoben wurde, weil die Bremsketten der Schlitten die Straßen beschädigten.

Ein Bericht im Bote der Urschweiz von 1877 thematisierte denn auch weniger den guten Verdienst, sondern vielmehr Probleme wie Kleiderverschleiß und Ruin der Gesundheit. In der Tat trugen die Männer auf dem See einfache Kleidung, obwohl sie den ganzen Tag lang der bitteren Kälte ausgesetzt waren. In einem historischen Filmdokument aus dem Jahr 1953 schuften die meisten Männer sogar ohne Handschuhe. Immer wieder ist ein Husten zu hören.

Als in den 1930er-Jahren Kühlschränke erfunden wurden, sank die Nachfrage nach Natur-Eis aus dem See merklich. 1953 wurden im Auftrag der Brauerei Wädenswil zum letzten Mal Eisbrocken aus dem Klöntalersee gehoben. Danach kehrte im Tal die beschauliche Ruhe wieder ein.


Ausflugstipp

Wanderung von Glarus ins Muotathal in zwei Tagen:

  • Erste Etappe: Glarus – Richisau, zuerst der Löntsch entlang bis zum Damm des Stausees, dann weiter entlang des Klöntalersees, weiter über Vorauen und Schwändeli nach Richisau. (1000 m Aufstieg, ca. 5 h). Übernachtung: Gasthaus Richisau (geöffnet von April bis Okt.). gasthaus-richisau.ch
  • Zweite Etappe: Richisau – Muotathal. Der Weg über den Pragelpass führt über Weiden und Auen (460 m Aufstieg, 900 m Abstieg, ca. 5 h 15 min).

 

Um selber einen Kommentar abgeben zu können, müssen Sie sich hier Einloggen oder Registrieren. Bitte beachten Sie die für Leserkommentare geltenden Autorenrichtlinien.

Transhelvetica

Schweizer Magazin für Reisekultur

Facebook

Mag20 auf Twitter