Ein Drink an der Bar mit Yangzom Brauen

Die Schweizer Schauspielerin und Autorin mit tibetischen Wurzeln dreht neben ihrem Engagement für Tibet hauptsächlich Filme, führt zurzeit erstmals Regie und arbeitet am Drehbuch ihres Bestsellers «Eisenvogel».
Dieser Beitrag erschien in Ausgabe Nr. 5

Wir treffen Yangzom Brauen mitten im Sommer 2012 an der Bar des Zürcher Restaurants Totò. Yangzom befindet sich gerade auf Promotions-Tour für ihren neuen Film «Escape from Tibet». Nicht zu verwechseln mit ihrem Filmprojekt «Eisenvogel», bei dem sie ihre eigene autobiographische Familiengeschichte zu verfilmen plant. Beim Gespräch wird klar: Diese Frau hat viele Eisen im Feuer.

Christian Nill: Damit wir es gleich hinter uns haben: Was trinken Sie?
Yangzom Brauen: Einen gespritzten Weißen, süß.

Nill: Auf Druck haben Sie den bestellt, muss man noch anfügen.
Brauen: (lacht) Ja, auf Druck! Ich hatte eigentlich Wasser bestellt, aber Sie überredeten mich dann zu einem Drink, weil Sie und Ihr Fotograf auch schon ein Bier bestellt haben.

Nill: Wir hoffen, Sie kommen damit klar.
Brauen: Ich bin es mich nicht gewohnt. In Amerika trinkt man vor dem Abend keinen Alkohol, sonst steht man schnell im Verdacht, Alkoholiker zu sein (lacht).

Nill: Jetzt ist Mitte Nachmittag, also schon fast Abend. Warum muss Ihr gespritzter Weißer süß sein?
Brauen: Ich liebe süß, Schokolade zum Beispiel. Oder wenn ich einen Drink nehme, dann muss er ebenfalls süß sein.

Nill: Sie haben im Moment einige Projekte am Laufen. Aktuell im Kino ist Ihr neuer Film, die deutsche Produktion «Escape from Tibet» (auf Deutsch: «Wie zwischen Himmel und Erde»). Worum geht's?
Brauen: Es ist die autobiographische Geschichte der Regisseurin Maria Blumencron. Es geht um eine Bergsteigerin, deren Mutter im Himalaja-Gebiet umgekommen ist. Sie besucht die Unglücksstelle und findet sich plötzlich inmitten eines Flüchtlingstrecks aus Tibet wieder. Zuerst will sie nichts damit zu tun haben, dann beginnt sie sich für die Kinder einzusetzen. Viele tibetische Eltern schicken ihre Kinder allein auf die Flucht.

Nill: Und Sie spielen?
Brauen: Eine tibetische Mutter mit Kind. Ihr Mann war ein Freiheitskämpfer, wurde von den Chinesen verhaftet und hingerichtet. Nun soll sie auch noch die Kugel für die Hinrichtung bezahlen. Sie weigert sich, erschießt einen chinesischen Soldaten und muss ebenfalls fliehen.

Flucht nach Indien

Nill: In Ihrer autobiographischen Familiengeschichte «Eisenvogel», deren Verfilmung Sie planen, geht es ebenfalls um eine Flucht aus Tibet. Keine Bedenken, dass sich diese Geschichten zu nahe kommen?
Brauen: Nein. «Escape from Tibet» spielt heute und handelt praktisch nur von der Flucht und der Ankunft in Nepal. Meine Familiengeschichte beginnt viel früher. Ein Teil des Films spielt in der Zeit vor der Chinesischen Invasion (1950, Anm. d. Red.), als meine Großmutter noch ein 5-jähriges Mädchen war. Dann kommt die Phase, als sie Tibet verlassen mussten (Tibet-Aufstand 1959, Anm. d. Red.). Damals war meine Mutter 6-jährig. Sie flohen nach Indien. Ein weiterer großer Teil spielt im Exil und die Geschichte, wie sich meine Eltern kennengelernt haben und in die Schweiz kamen, nimmt ebenfalls viel Raum ein.

Nill: «Eisenvogel» schlägt also einen viel größeren Bogen.
Brauen: Ja, man bekommt mit, was vor der chinesischen Invasion war. Auch die Invasion selber spielt eine Rolle. Es wird ein epischer Film.

Nill: Dennoch: Hilft Ihnen dieses Rollenprofil der kämpferischen Tibeterin in der Selbstvermarktung?
Brauen: Das war ein Zufall. Die Regisseurin von «Escape from Tibet» kam bereits vor drei Jahren auf mich zu. Damals kam gerade mein Buch heraus und vom Filmprojekt hatte ich noch nichts gehört. Es ist auch das erste Mal, dass ich eine Tibeterin spiele. Und es gibt nicht wirklich viele Tibeterinnen, die schauspielern. Naheliegend, dass man schnell mich fragt.

Nill: Lassen Sie uns kurz Ihren Erfolg mit Ihrem Buch «Eisenvogel» Revue passieren: Sie schafften es in diverse Bestseller-Listen, u.a. in diejenige des deutschen Nachrichtenmagazins Der Spiegel. Das Buch wurde in acht Sprachen übersetzt und bis jetzt über 300 000 Mal verkauft. Ich gehe davon aus, dass Sie nicht mit so einem Erfolg gerechnet haben.
Brauen: Nein, allerdings. Ich dachte, es wird einige Leute interessieren. Aber gleich in die Bestseller-Liste des Spiegels? Inzwischen ist es auch in Amerika herausgekommen («Across many Mountains», Anm. d. Red.).

Nill: In diesem Buch geht es um Ihre Großmutter, Ihre Mutter und Sie selbst. Warum hat es so eingeschlagen?
Brauen: Ich hatte eine gute Presse in der Schweiz und in Deutschland. Gute Pressearbeit ist elementar, wenn man ein Buch veröffentlicht. Sonst landet man irgendwo in einem Gestell, wo es niemand mehr rausnimmt. Außerdem war ich in vielen Talkshows. Es ist wie beim Film: Ohne Werbung geht niemand ins Kino. Wenn aber Plakate hängen und darüber geredet wird, dann sind die Chancen besser. Die zweite Verkaufswoche ist sehr wichtig. Da sollte man bereits in einer Bestseller-Liste sein. Dann beginnt auch die Mund-zu-Mund-Propaganda zu greifen.

«Die Filmrechte bleiben bei mir.»

Nill: Haben Sie mit dem Buch etwas verdient?
Brauen: Ich erhielt von den Verlagen jeweils einen Vorschuss. Ich habe gelernt, dass dieser fix im Voraus abgemacht sein muss, unabhängig wie viele Bücher der Verlag verkauft.

Nill: Das heißt, nach dem erwähnten Vorschuss haben Sie nichts mehr für «Eisenvogel» bekommen.
Brauen: Nein, aber es war ein guter Vorschuss. Irgendwann erhalte ich vielleicht wieder mal etwas.

Nill: Wie sieht's denn nun mit dem Stand der Verfilmung von «Eisenvogel» aus?
Brauen: Meine amerikanische Drehbuchautorin schreibt gerade an der zweiten Fassung des Drehbuchs. Die Filmrechte habe ich nicht verkauft, die bleiben bei mir. Bei einem Verkauf hätte ich nichts mehr zu sagen. Außerdem gibt es bereits einen Regisseur, der sich für das Projekt interessiert.

Nill: Kennt man ihn?
Brauen: Simon West, er ist Engländer und wurde bekannt mit Filmen wie «Con Air» oder «Lara Croft: Tomb Raider». Aktuell läuft sein neuster Film im Kino: «The Expendables 2» (mit Sylvester Stallone, Bruce Willis, Arnold Schwarzenegger, Jason Statham usf., Anm. d. Red.).

Nill: Ein Action-Regisseur interessiert sich für Ihre Familiensaga?
Brauen: Weil er meistens Action-Filme dreht, würde er gerne einmal etwas anderes machen. Wenn du in Amerika mit Action Erfolg hast, dann wollen die Studios, dass du Action-Filme drehst. Er las mein Drehbuch und ist interessiert und beschäftigt sich damit. Aber alles ist offen und kann sich jederzeit ändern.

Nill: Welches sind die nächsten Schritte?
Brauen: Eine gute Drehbuchfassung zu erstellen und es an die Produktionsfirmen zu senden. Dann kommt es darauf an, wie schnell man zu Geld kommt und wie schnell sich alles entwickelt. Es kann also noch zwei, drei Jahre dauern.

Nill: Letzte Frage dazu: Welche Funktion werden Sie haben im Film? Sie möchten ja auch mitspielen.
Brauen: Ich wäre die Produzentin und würde im Film auch eine Rolle spielen.

Nill: Welche – diejenige Ihrer Mutter oder Großmutter?
Brauen: (lacht) Kommt drauf an, wie lange es geht. Im Moment könnte ich noch meine Mutter spielen, wenn's länger dauert, spiele ich wohl meine Großmutter.

Erfahren Sie auf Bar-Storys.ch mehr über Yangzom Brauens mutiges Engagement für den Tibet und ihre erste Regiearbeit "Who killed Johnny".

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Christian Nill (Text) und Mischa Scherrer (Fotos)

"Ein Drink an der Bar mit..." sind Bargespräche von Bar-Storys.ch, einem regelmässig erscheinenden Online-Magazin.

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