Ein Drink an der Bar mit Sam Keller

Der Yul Brynner der Kunstszene.
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In den 80er-Jahren war Sam Keller ein Enfant terrible – heisst es. Dann leitete er die Art Basel und gründete deren Ableger in Miami USA. Heute ist der «Kunstdiplomat», wie man ihn auch nennt, Direktor der Fondation Beyeler. Ein Gespräch über schwindende liberale Werte, den Reiz des ersten Mals und Vater-Sohn-Beziehungen. 

Wir treffen Sam Keller in der Gartenwirtschaft der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel. Im Hintergrund steht die riesige Blumenskulptur von Jeff Koons. Der Direktor ist entspannt – trotz dichtgedrängten Terminplans – und charmant.  Auch wenn er eine halbe Stunde auf sein Bier warten muss. 

Christian Nill: Herr Keller, bevor ich loslege, möchte ich kurz einige Fakten checken. 
Sam Keller: Ok.
 
Nill: Stimmt es, dass Sie am 6. Januar 1966 geboren wurden? 
Keller: Ja, daran hat sich nichts geändert. 
 
Nill:  In Basel?
Keller: Meine Eltern behaupten es so. Ich war scheinbar dabei, kann mich jedoch nicht erinnern. 
 
Nill: Sie haben einen Sohn namens James Keller? 
Keller: Ja, richtig. Und dann habe ich auch noch eine Frau, Judith. Ich habe James nicht alleine gemacht. 
 
Nill: Auf Facebook sah ich, dass Ihr Sohn James auch noch eine Schwester hat – Sie aber keine Tochter? 
Keller: Nein, das könnte höchstens seine Soul Sister sein. Er hat keine Geschwister. 
 
Nill: Weshalb treffen wir uns hier in der Beiz der Fondation Beyeler? 
Keller: Damit das Interview zustande kam, musste es schlicht in die Agenda passen, die Location also naheliegend sein. Zweitens überlegte ich mir, in welches Lokal ich am meisten gehe – und das ist schlicht hier. Ich habe das Glück, dass mein Arbeitsort direkt über einer Beiz liegt, in dieser tollen Umgebung. Jede Stunde, die man hier verbringt, erhöht die Lebensqualität. 
 
Nill: Mal unabhängig von Agenda und Termindruck: Welche Bar wäre auch infrage gekommen? 
Keller: Früher, in meiner Studentenzeit, gingen wir täglich aus. Damals in die Rio-Bar. Später kam noch das Café des Arts in der Kunsthalle dazu. Heute habe ich keine Stamm-Bar mehr. Die Bar im Hotel Drei Könige besuche ich gern. Im Sommer auch das Sonnendeck im nt-Areal oder später am Abend die Hinterhof-Bar. Natürlich gibt es in anderen Städten ebenfalls Bars, die ich liebe.
 
Nill: Zum Beispiel? 
Keller: In Zürich die Kronenhalle-Bar. Die finde ich fantastisch! Wenn wir uns in Zürich getroffen hätten, dann dort. Dann gibt es das Barreto im Hotel Fasano in São Paulo. Eine wunderbare, ganz kleine Bar. Oder die Bar im Hotel Regina in Paris. Und wenn ich in Berlin bin – da gibts eine ganze Menge lässiger Bars. Das wäre Interview-füllend. 
 
Den ökologischen Fussabdruck verbessern
 
Nill: Spielen Bars eine wichtige Rolle bei Ihnen?
Keller: Ich mag Bars. In der Kunstwelt haben wir ja eigentlich keine Büros. Was in der Geschäftswelt in Sitzungszimmern stattfindet, passiert bei uns in Bars und Restaurants. Das sind die Meeting-Rooms der Kunstszene. 
 
Sam Keller schaut sich um, ob jemand vom Personal seine Bestellung aufnehmen kann. 
 
Nill: Falls Sie bedient werden – was trinken Sie?
Keller: Manchmal will mich das Personal halt nicht stören, wenn ich mit Gästen am Tisch sitze. Am häufigsten trinke ich Wasser. Hier bestelle ich immer eine Karaffe Wasser. Es schmeckt sehr gut. Die Stadt Basel bezieht ihr Trinkwasser von dieser wunderbaren Landschaft hier. Man versucht ja, seinen ökologischen Fussabdruck zu verbessern. Am einfachsten geht das, wenn man darauf achtet, dass z.B. die Getränke nicht von allzu weit weg angeliefert werden müssen. 
 
Nill: Immer nur Wasser trinken ist auch nicht gerade lustig. 
Keller: Nein, das ist nicht immer lustig. Manchmal habe ich auch Lust auf Bier. Vor allem der erste Schluck eines Biers ist etwas vom Schönsten, das es gibt. Und ich trinke gerne guten Wein zum Essen. Mein Grossvater kelterte hier in der Region Wein. Er sagte immer, dass der Wein dort am besten schmecke, wo er produziert werde. Daran versuche ich mich zu halten. Wein ist ein Kulturgut, genauso wie Bier. An jedem Ort schmeckt es ein bisschen anders. Es wäre schade, wenn es nur noch wenige grosse Marken gäbe, die man überall auf der Welt trinkt. Die Vielfalt macht den Reichtum aus. 
 
Nill: Trinken Sie auch mal einen Cocktail? 
Keller: Ja, das kommt auch vor. Es ist situationsgebunden. Man ist irgendwo und dann fällt einem ein, jetzt könnte man diesen oder jenen Drink probieren. 
 
Nill: Zum Beispiel? 
Keller: Das passiert mir meistens in den Ferien, wenn ich an einem exotischen Ort bin. Beispielsweise in der Karibik. Plötzlich erinnere ich mich an Hemingway, der in der Karibik oft einen Daiquiri getrunken hatte – also bestelle ich ebenfalls einen. Oder wenn ich in Grossbritannien bin, habe ich eher mal Lust, einen Whisky zu probieren. Damit kann man einen Abend so richtig schön beenden. 
 
Die Beständigkeit der Dinge
 
Nill: Sind Sie ein Whisky-Kenner?
Keller: Nein, ich bin nicht der Feinschmecker, der den Whisky zelebrierend degustiert. Ich bestelle immer noch ein Extraglas mit Eis dazu, damit ich die Dosis selber bemessen kann. Den ersten Schluck nehme pur, um den Geschmack zu probieren. Meistens ist er mir aber zu stark. Dann kommen Eiswürfel hinein. 
 
Nill: Der erste Schluck beim Bier, der erste Schluck beim Whisky – haben Sie ein besonderes Bewusstsein für das erste Mal? 
Keller: Da habe ich noch nie darüber nachgedacht. Ich glaube, es gibt Menschen, die suchen und lieben die Routine. Und es gibt Leute, die grossen Genuss dabei empfinden, immer wieder Neues zu entdecken. Zu denen gehöre ich. Für mich gibt es für viele Sachen ein erstes Mal. 
 
Nill: Zum Beispiel? 
Keller: Wenn in einem Restaurants neue Gerichte auf der Karte sind, dann wähle ich die. Wobei – es gibt auch das Gegenteil: Dass man an gewissen Orten ganz bestimmte Gerichte bestellt, weil damit Erinnerungen an schöne Momente  verbunden sind. Diese lässt man dann quasi wieder aufleben. Bis eine Tradition daraus wird. 
 
Nill: Klingt auch ein bisschen nostalgisch. 
Keller: Ich bin eigentlich nicht der Nostalgiker, sondern eher der Entdecker. Deshalb ist das jeweils erste Mal einer Situation etwas besonders Schönes. 
 
Nill: Dennoch – mit dem Älterwerden nehmen die Möglichkeiten ab, etwas zum ersten Mal zu erleben. Das erste Mal wird rarer. Melancholische Momente sind programmiert, wenn man erkennt, dass die Möglichkeiten, Neues zu entdecken, abnehmen. 
Keller: Ja. Wenn man jung ist, ist alles neu. Man denkt, dass woanders das Gras grüner ist als zuhause. Ich stehe nun in der Mitte der durchschnittlichen Lebenserwartung. Es fühlt sich harmonisch an. Und ich fühle mich immer noch wie ein kleines Kind. Gleichzeitig schaue ich auf sehr viele schöne Erfahrungen zurück und habe schätzen gelernt, dass Dinge, die man gerne hat, beständig sind. Dass es Routinen gibt, woraus Rituale wurden. Erinnerungen sind ein wertvoller Teil des Lebens. 
 
Nill: Lernen Sie von älteren Menschen?
Keller: ...
 
Was Sam Keller darauf antwortet und was er über sein Vorbild Ernst Beyerler sagt und vieles mehr, lesen Sie jetzt auf Bar- Storys.ch.
 
© www.bar-storys.ch, Sommer 2012 

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Christian Nill (Text) und Mischa Scherrer (Fotos)

"Ein Drink an der Bar mit..." sind Bargespräche von Bar-Storys.ch, einem regelmässig erscheinenden Online-Magazin.
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