Der Wolf vom Tat

Tat war bei der letzten Wolfsjagd dabei. Er weiss noch genau, bei welcher Tanne er vor über 30 Jahren seinen Posten bezog. Vom damals letzten Wolf und meinem Grossvater. – Von Angela Fessler (Text), Yves Bachmann (Bild)
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Am frühen Morgen des 13. Dezember 1978, nach dem Vergewisserungstelefonat nach Chur, ob der Wolf wirklich zum Abschuss freigegeben worden sei, habe er sich aufgemacht zum Treffpunkt beim Kieswerk. Batist Simeon traf dort auf 20 weitere Jäger aus der Sektion Scalottas. Normalerweise haben alle in klei­nen Gruppen gejagt. Jetzt tat man sich zusammen. Das war keine normale Gämse, kein normaler Hirsch oder ein ehrwürdiger Steinbock. Vom Steinbock bei­spielsweise spricht mein Grossvater (im Weiteren: Tat, Surmiran für «Grossvater») immer mit grosser Ehr­furcht. Wenn er von der Jagd spricht, spricht er viel von den «schönen Tieren». Vielleicht ist es für Tat bei der Jagd nach einem schönen Steinbock, stelle ich mir vor, ein bisschen wie wenn man ein entrücktes, ätherisches Wesen durch das Erlegen zur Menschen­welt heranholen kann. Aber am 13. Dezember geht es um ein Tier, dem man Einhalt gebieten musste, das Angst machte und Schäden anrichtete. Es war keine  gewöhnliche Jagd für die Gruppe und sie fand ausserhalb des Jagdmonats statt. Es lag frischer Schnee und die Zeitungen schrieben von der «Bestie von Lenzerheide». Den ganzen Sommer und Herbst gab es in der Umge­bung gerissene Tiere. Es gab Berichte von Sichtungen. Aber was es wirklich für ein Tier war, das sich im Ge­biet um Obervaz und Brienz herumtrieb, das konnte nicht eindeutig festgestellt werden. Schulkinder woll­ten den Wolf am helllichten Tag auf der Dorfstrasse in Valbella gesehen haben. Nachdem das Tier 89 Schafe und 3 Ziegen gerissen hatte, wurde die Abschussfrei­gabe beschlossen.

Der Wolf, so nehme ich vorweg, ist dann sehr schnell geschossen worden. Noch am selben Mittag kom­men die Jäger mit dem erlegten Tier zurück und die  Jagdgruppe wird bejubelt. Mit einem Ladewagen, da­rauf der tote Wolf, fahren die Jäger bis nach Tiefencastel und zeigen ihn auf dem Schulhaus­platz den Kindern. Der Abschuss wird in Anwe­senheit von Prominenz gefeiert.
 
Und vorweggenommen werden kann auch, dass der Wolf mächtig zu stinken angefangen hat, so erzählt Tat. Er wisse nicht warum, aber man habe ihn damals nicht gleich ausgenommen. Der Wolf wird präpariert und ist seitdem fester Bestandteil der zoologischen Abteilung des Bündner Naturmuseums in Chur. Hier hat er vor Kurzem einen neuen Platz bekommen; er sitzt auf seinen Hinterbeinen neben einem anderen Wolf auf einer neuen Erhöhung. Hier im Museum kann man sich vergewissern, dass sich vor und nach dem Wolf von Lenzerheide immer wieder einzelne Wölfe in der Schweiz aufhielten. Einige sind seither geschossen worden. Auch der Sockelnachbar. Aber gleichwohl hiess es bei uns in der Familie immer «Tat war dabei als der letzte Wolf geschossen wurde». Ich bin froh, ist es mit dieser zweifelhaften Ehre nicht weit her und die Gattung seither nicht ausgestorben. Auch Tat möchte klarstellen, dass der Wolf wie auch der Bär hier in den Schweizer Alpen Platz haben sol­len. Es sei denn, sie wagen sich zu sehr in Menschen­nähe und reissen Nutztiere.
 
Wir machen uns auf zum Tatort. Wir verlassen Lantsch der Hauptstrasse entlang in Richtung Lenzerheide, passieren den Campingplatz an der Dorfgrenze und ge­langen nach einem knappen Kilometer zum Kieswerk, das am Fusse des Lenzerhorns eine graue Schneise ins satte Grün der Hänge schlägt. Hier biegen wir ab und gehen der Waldstrasse, die bis hoch zum Lenzerhorn führt, entlang. Bald verlassen wir den Pfad. Der Boden ist weich und man läuft wie auf einem ergonomischen Schuhbett und muss sich auf dem moosbewachsenen Unterholz immer wieder das Gleichgewicht zurück­holen. «Die Bova Pinta», Tat zeigt zu Rüfe oberhalb des Kieswerks, «ist auch zu anderen Zeiten immer ein guter Platz gewesen, hier habe ich einige der schöns­ten Hirsche geschossen». Er verweist auf wei­tere Stellen und Jagderlebnisse und seine fes­ten Hände, die immer angespannt wirken, wie wenn sie gerade am Zupacken wären, wirbeln durch die Luft. Er benutzt das mir wohlbekann­te «Prompfete!» als Lautuntermalung, das der Erzäh­lung den Knall der Schussabgabe beigibt. Ich antworte mit einem in gemächlichem Tempo aber mit Nach­druck ausgesprochenem «Bom Bom» – einem anderen Klassiker von Tat – und zeige meine Anerkennung.
 
Tat kann genau sagen, welche Tanne es war, hinter der er sich vor über 30 Jahren frühmorgens im kalten Win­ter versteckt hielt und die Umgebung beobachtete. Am Vortag des 13. Dezember fand man weiter oben eine frisch gerissene Hirschkuh und im Schnee die Spuren des Wolfes. Die Jäger haben sich dann aufgeteilt. Viele sind zur gerissenen Kuh hoch und sind den Spuren gefolgt, die weiter den Berg hinauf wiesen. «Wenn er aufgeschreckt wird, wird er nach unten kommen, der kommt dann hier durch», habe er gedacht. «Ich blei­be hier bei der Tanne», habe er den anderen gesagt.Benedikt Nadig, genannt «Dick», ist mit seiner Flinte wieder in Richtung Dorf und hat in der Nähe vom Kies­werk Stellung genommen, nicht weit von ihm entfernt. Dann erzählt Tat, wie er in 50, 60 Meter Entfernung plötzlich den Wolf gesehen hat: «Nur seinen Kopf sah man zwischen den Bäumen. Der Wind ging gegen den Berg hinauf und so hat er mich gerochen, mich be­merkt. Eine kurze Sekunde haben wir uns angeblickt. 
 
Ich hatte einen Stutzer, bei dem die Kugel sitzen muss, nicht wie bei einer Flinte, bei der viele Schrotkörn­chen den Körper des Tieres durchdringen und man weniger genau sein muss. Die Distanz war zu weit für den Stutzer. Da muss man schon Zeit haben um zielen zu können.» Nach diesen Überlegungen habe er die Schussabgabe sein lassen. Dick war es, der das Tier dann mit seiner Schrotflinte mit zwei Schüssen erlegen konnte. Tat fügt an, wie es dazu gekommen ist, dass er mit einem Stutzer ausgestattet war. Der Jagdaufseher habe bestimmt, wer welches Gewehr mitnimmt. Dem einen eine Flinte, dem anderen einen Stutzer. «Das war schade, dass ich keine Flinte hatte. Ich wusste ge­nau, der kommt hier vorbei», resümiert er.
 
Vor etwa 10 Jahren hat Tat angefangen, während der dreiwöchigen Jagdzeit einen Campingwagen zu mieten. So war er dem Jagdgebiet näher und muss­te weniger laufen, wenn die Knie wieder schmerzten. Vor drei Jahren, mit 85 und nach 65 Jahren auf der Jagd, hat Tat aufgehört zu jagen. Jetzt sagt er aber, er überlege, wieder auf die Jagd zu gehen diesen Herbst: «Es geht einfach ein wenig langsamer, aber ich glaub, es geht.» Die Geweihe und ausgestopften Tiere im Eingangsbereich der Wohnung und in der Arvenstu­be gehören untrennbar zu Tat. Er streicht dem aus­gestopften Steinbock über das Fell und grinst: «Du warst ein Vogel.» Weil dieser nach dem ersten Schuss zuerst noch ausbüxen konnte. Auch die guten Augen, die zu Tat gehören wie nichts anderes. Die Augen, die so gut sehen, dass es immer hiess, dass er vom Piz Linard aus die Uhrzeit auf dem Kirchturm von Lantsch ablesen könne. Jagdaugen. Mein Grossvater ist sonst kein Mann der vielen Worte, aber wenn ich etwas von ihm erfahren möchte, dann fange ich an vom Jagen zu sprechen. 
 

Ausflugstipp

Die Marienkirche in Lantsch/Lenz ist eine der schönsten und ältesten Kirchen der  Schweiz. Am Hang des Hochtals gelegen bietet sie zudem eine wundervolle Aussicht. Der Schlüssel für die Marienkirche bekommt man bei der Haushälterin des Dorfpfarrers. das Pfarrhaus steht neben der neuen Kirche im Dorfkern.

Für zoologische, botanische, mineralogische und geologische Erkundigungen: Bündner Naturmuseum in Chur

 

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