Der grosse sich täglich wiederholende Skandal

Die Nachkriegsgenerationen in Europa haben die Zeiten von Hunger und Entbehrung noch erlebt, wir hingegen drohen das Mass und den Wert zum Lebensmittel mehr und mehr zu verlieren.
Dieser Beitrag erschien in Ausgabe Nr. 10

Was hat ein vom seinem Federkleid befreiter Truthahn auf einer Mühltonne zu suchen? Sie wissen es auch nicht und finden dies eher unnatürlich? Leider ist dies in unseren Breitengraden alles andere als unnatürlich und ein sich täglich wiederholender Skandal. Taste the waste ein nun in einigen Schweizer Kinos gezeigter Dokumentarfilm hat sich diesem täglichen Wahnsinn angenommen und vermittelt ein beeindruckend trauriges Zeugnis der Lebensmittelvernichtung in den Industrienationen. Schätzungen gehen davon aus, dass von den jährlich produzierten Lebensmitteln rund 30-50% im Abfall landen. Der rasierte Truthahn auf der Mülltonne steht sinnbildlich für den sich täglich ereignenden Wahnsinn, währenddessen tausende Menschen in den Entwicklungsländern pro Tag an Hunger sterben.

Da Überfluss und auf der anderen Seite Hungertod. Währenddessen Lebensmittel durch die ganze Welt transportiert werden. Die Mittel eine weltweit vernünftige Verteilung der Lebensmittel sicherzustellen, wären heute durchaus vorhanden. Und trotzdem schaffen wir als hochentwickelte Staaten dies nicht oder wollen wir dies am Ende gar nicht schaffen? Eine sehr zynische Frage, aber warum reden wir nur immerzu davon, den Hunger in der Welt besiegen zu wollen, ohne dann Taten folgen zu lassen. Während wir in den Industrienationen die Qualität der Produkte nach dem Mindesthaltbarkeitsdatum bewerten und zumeist danach auch entsorgen, verhungert alle sieben Sekunden ein Kind unter zehn Jahren.

Die Nachkriegsgenerationen in Europa haben die Zeiten von Hunger und Entbehrung noch erlebt, wir hingegen drohen das Mass und den Wert zum Lebensmittel mehr und mehr zu verlieren. Während Schweizer Haushalte während des zweiten Weltkriegs im Durchschnitt noch über 35 Prozent ihres Budgets für Lebensmittel ausgegeben haben, sind wir heute noch bei 7%. Dies ohne Alkohol und auswärtige Verpflegung. Für eine Mehrzahl der Schweizer Bevölkerung sind die Lebensmittel heute also im Übermass vorhanden und erschwinglich, was zur täglichen Vernichtung von noch geniessbaren Produkten führt.

Angefangen beim Produzenten, der nicht standardisiertes Gemüse gar nicht in den Handel liefern kann, da wir als Konsumenten gerne standardisierte Naturprodukte erwerben. Spezielle Formen und Farben haben in den meisten Nahrungsmittel-Geschäften keinen Platz. Kurz vor Ladenschluss wollen wir als Konsumenten dann natürlich noch die ganze Angebotspalette vorfinden, was danach mit den vorrätigen Frischprodukten passiert, darüber machen wir uns weniger Gedanken. Das Bild mit dem armen Truthahn ohne Federkleid auf der Mülltonne könnte uns in solchen Situationen auf die Sprünge helfen. In Deutschland hat der Dokumentarfilm Taste the waste aufgerüttelt und zu vielen Diskussionen über Sinn und Unsinn im Umgang mit unseren Lebensmitteln geführt. Ich wünschte mir, dass der Film in der Schweiz nicht „nur“ zu Diskussionen führt sondern uns dazu bewegt, unser Handeln im Umgang mit Lebensmitteln kritisch zu überdenken und zu ändern. Hier kann jeder in seinem Umfeld die Entwicklung zum Positiven beeinflussen. Just do it.

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