Das Prinzip Hoffnung

Habe heute, zahle morgen: So funktionieren Schulden
Dieser Beitrag erschien in Ausgabe Nr. 10

Was sind eigentlich Schulden? Wie das meiste im modernen Finanzzirkus führt die Beantwortung einer einfachen Frage schnell in den Wahnsinn.

Am Anfang ist es einfach: Schulden sind geliehenes Geld. Oder allgemeiner: Verbindlichkeiten, die eine Rückzahlungsverpflichtung enthalten. Trivial. Oder nicht, wenn man das interessante Werk «Schulden: Die ersten 5000 Jahre» (1) liest. Aber wir wollen uns nicht mit der Vergangenheit, sondern mit der Gegenwart beschäftigen. Die zu verstehen, ist schon anspruchsvoll genug.
 
Das simple Beispiel
Hans will mehr Kleider nähen und braucht dafür eine neue Nähmaschine, hat aber dafür nicht das Geld. Franz hat die nötigen 1000 Franken, die er nicht selbst braucht, und setzt sich mit Hans ins Einvernehmen. Es entsteht ein Vertrag, der die Verwendung des Geldes, die Rückzahlungsmodalitäten und die Risikoprämie Zins festlegt. Üblich ist ebenfalls, dass Hans eine Sicherheit bietet, also Franz solange Besitzer der Nähmaschine bleibt, bis er sein Geld zurückbekommen hat. Falls Streit entstehen sollte, wenden sich beide an ein Gericht, dessen Entscheidung sich beide unterwerfen. - Das ist trivial und funktioniert.
 
Da Hans heute nicht garantieren kann, dass er zukünftig mehr Kleider verkaufen und damit den Kredit zurückzahlen kann, kassiert Franz Zinsen. Denn Schulden entstehen heute, enthalten aber eine Spekulation auf die Zukunft. Das ist immer noch trivial, aber wichtig.
 
Der Sprung in den Wahnsinn
Wagen wir uns an grössere Zahlen. Die Eurozone schiebt Staatsschulden in der Höhe von rund 90 Prozent des gesamten Bruttinlandprodukts (BIP) vor sich her. In absoluten Zahlen sind das rund 8,2 Billionen Euro. Zur Tilgung müsste also fast die gesamte Wirtschaftsleistung eines Jahres aufgewendet werden. Oder sämtliche Besitztümer aller Deutschen müssten enteignet und verkauft werden. Beides wird natürlich nicht geschehen.
 
Aber die einfache Frage bleibt: Wie sollen diese Schulden wieder zurückgezahlt werden? Die praxisnahe Antwort ist: mit neuen Schulden. Das nennt man vornehmer Refinanzierung. Spanien, Italien, Griechenland muss auf einen bestimmten Termin zum Beispiel 1 Milliarde Schulden ablösen. Dafür nimmt das Land eine neue Milliarde auf. Super, das ist doch das Perpetuum mobile. Könnte das Hans nicht auch machen?
 
Zurück in die Realität
Hans kann an Franz die geliehenen 1000 Franken zum vereinbarten Termin nicht zurückzahlen. Da hat Hans drei Möglichkeiten. Er bittet Franz um etwas Geduld. Er sucht sich einen neuen Kredit. Oder Hans erklärt Bankrott. Sowohl ein allfälliger neuer Kreditgeber wie auch Franz würden bei einer Refinanzierung der Schuld selbstverständlich mehr Zinsen verlangen.
 
Denn das Risiko, dass Hans das Geld auch so nicht zurückzahlen kann, ist ja offensichtlich gestiegen. Zudem muss Hans ein paar nachvollziehbare Argumente liefern, wieso er bei höheren Zinsen und längerer Laufzeit den Kredit in der weiteren Zukunft bedienen kann, wo doch seine frühere Kalkulation offensichtlich nicht gestimmt hat. Gelingt ihm das nicht, wird der Stecker gezogen, Hans ist pleite.
 
Und wieder in den Wahnsinn
Wie sollen, um bei diesen Beispielen zu bleiben, Griechenland, Spanien oder Italien ihre Staatschulden zurückzahlen? Sie sind ja bereits mindestens in Phase zwei angelangt; Fälligkeiten von früheren Krediten können nur unter grösseren Schwierigkeiten bedient werden. Staaten sagen in solchen Fällen immer das Gleiche: Momentanes Problem, durch Überbrückungskredite entsteht zukünftiges Wirtschaftswachstum, via davon abgeschöpfte Steuern und durch die Verminderung von Sozialleistungsausgaben verfügt der Staat zukünftig über die Mittel, seinen Zahlungsverpflichtungen wieder korrekt nachgehen zu können.
 
Kümmern wir uns nicht um weltrekordverdächtige Arbeitslosenzahlen, um die aktuelle Rezession, um Aussenhandelsbilanzdefizite, die eine mangelnde Wettbewerbsfähigkeit der nationalen Wirtschaft beweisen. Und sprechen wir vor allem nicht von der Vergangenheit, in der wir gezeigt haben, dass wir mit früheren Krediten offenkundig fürchterlichen Unsinn angestellt haben. Würde das irgend jemand einem Hans glauben?
 
Der brüllende Wahnsinn
Schulden sind normalerweise bezahlt, nicht vom Schuldner, sondern vom Gläubiger. Also 1000 Franken Schulden bedeuten, dass vorher erarbeitete 1000 Franken ausgeliehen wurden. Aber nicht so, wenn die Herrin des Geldes, die Notenbank, aus dem Nichts neues Geld herstellt. Damit werden reale Schulden durch fiktives Geld bezahlt. Also Hans lässt mal schnell 1000 Franken drucken, die er dann stolz Franz übergeben kann.
 
Unsinn, sagt da der sogenannte Finanzwissenschaftler, das kleine Beispiel kann man nicht aufs Grosseganze übertragen, verschiedene Geldmengen, alles furchtbar kompliziert, aber keine Bange: Wir haben ja inzwischen die mathematischen Formeln gefunden, mit denen man jedes Risiko, auch das einer galoppierenden Inflation, berechnen, in den Griff kriegen kann.
 
Das Ende des Wahnsinns
Nur: Wohin diese durch nichts gerechtfertigte Überzeugung vieler Finanzanalysten, Koryphäen, ja der gesamten fälschlicherweise als Wissenschaft bezeichneten Finanzlehre geführt hat, konnte man spätestens ab 2008 genau mitverfolgen: ins Desaster. Das ist zwar nicht theoretisch-wissenschaftlich, aber empirisch bewiesen. Da nun niemand in die Zukunft sehen kann, sei die vermeintlich banale Frage erlaubt: Wieso genau soll dann der unbeschränkte Ankauf von Staatsschuldpapieren durch die Notenbank EZB, wieso soll die Inbetriebnahme des Überrettungsschirmmonsters ESM woanders hinführen als ins nächste Desaster? Wieso soll die damit verbundene Fortsetzung der verbrecherischen Niedrigzinspolitik, die die zentrale Bedeutung der Zinshöhe als Risikoprämie ausser Kraft setzt, aus dem Schlamassel herausführen, das sie selbst verursacht hat? Oder noch einfacher: Wie genau sollen die dadurch entstehenden neuen Schulden zurückbezahlt werden?

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René Zeyer

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