Das alltägliche Leid

Wie überleben die Syrer? Statistiken zeigen es nicht. Es gibt aber Briefe, die von der Not der Menschen berichten.
Dieser Beitrag erschien in Ausgabe Nr. 10

Die Lage in Syrien scheint zu stagnieren, im internationalen und im nationalen Bereich. Die internationale Diplomatie ist blockiert durch das russische und chinesische Veto. Die "Freunde Syriens" kritisieren dies, doch sind sie möglicherweise nicht unglücklich darüber, dass es ihnen Grund oder Vorwand gibt, eigene Eingriffe zu vermeiden.

Im Inneren geht der Krieg weiter. Ein Ende ist nicht abzusehen, weil die ungleichen Gegner einander schädigen, aber nicht überwinden können. Beide geben sich immer noch siegesgewiss und glauben wohl auch noch an ihren Endsieg.
 
Armee gegen bewegliche "Banden"
Das Assad-Regime verfügt über eine weiterhin schwerbewaffnete und immer noch einsetzbare reguläre Armee. Die Aufständischen besitzen weiterhin viel Resonanz in der grossen Mehrheit der Bevölkerung. Die Armee mit ihren überlegenen Waffen kann zuschlagen wo sie will, aber sie ist nicht in der Lage, überall gleichzeitig zuzuschlagen.
 
Ihre Gegner haben sich bis heute als fähig erwiesen, überall dort Macht auszuüben, wo die Armee nicht zuschlägt. Doch sie waren bisher nicht in der Lage, im offenen Land oder in seinen umkämpften Städten Zonen zu schaffen, die sie dauerhaft gegen die Armee zu halten vermögen. Sie sind gezwungen, jedes mal auszuweichen, wenn die Armee ihre schweren Waffen einsetzt, um ihnen ihre vorübergehenden Herrschaftsgebiete wieder zu entreissen.
 
Es wird lange dauern
Beide Seiten beginnen zu erkennen, dass sie den von ihnen sicher erwarteten Endsieg sobald nicht erreichen werden. Baschar al-Assad hat kürzlich in einer Fernsehrede zugegeben, dass seine Sicherheitstruppen "mehr Zeit benötigen". Eine Aussage, die bei allen Beobachtern, Freunden und Feinden, mehr Aufmerksamkeit fand, als die übliche Rhetorik über die "vom Ausland ermutigten Banden".
 
Die aufständischen Kämpfer haben erkannt, dass eine Intervention aus dem Ausland im Stile der libyschen, nicht stattfinden wird. Ihnen bleibt daher nur die Hoffnung auf wirksamere Waffen aus den Grenzländern. Aber bis sie der Regierungsarmee tatsächlich die Stirn bieten können, wird es, wie sie selber wissen, noch lange dauern. Das gilt selbst dann, wenn die Saudis und die Herrscher der Golfstaaten fortfahren, zu ihren Gunsten tief in die Taschen zu greifen.
 
Von aussen gesehen: Routine
Die scheinbare Stagnation hat auch dazu geführt, dass die internationale Presse beginnt, sich von Syrien abzuwenden. Es gibt nichts wirklich Neues zu berichten. Stets nur die gleiche Routine der täglichen Todesopfer und der fast täglichen Bomben. Dazu immer noch die gleiche Unsicherheit darüber, welche der unkontrollierbaren Informationen wohl wirklich zutreffen und welche nicht. Wer weiss schon, was blosse Propaganda ist?
 
Das Leiden der Syrer nimmt zu
Der Stillstand ist jedoch insofern dynamisch, als es eine Dimension der Kämpfe gibt, die beständig und reissend zunimmt: jene des Leidens der zivilen Bevölkerung. Dies eskaliert aus zwei Gründen: Die Kämpfe spielen sich immer mehr im Rahmen der dicht besiedelten Städte und Vorstädte ab, und weil es nun auch um die zentralen Städte geht, hat sich die Regierung entschlossen, das ganze Arsenal ihrer Waffen einzusetzen, einschliesslich der Luftwaffe. Nur ihr Giftgas hält sie zurück.
 
Dies bedeutet, dass ganze Stadtquartiere zerstört werden. Die Bevölkerung flieht oder kommt in den Ruinen ums Leben. Die Kämpfer weichen aus und konnten bisher immer wieder zurückkehren, wenn die Armee ihre Aufmerksamkeit einem neuen Unruheherd zuwandte. Die Zahl der Flüchtlinge im Ausland nimmt schnell zu. Die Türkei und Jordanien deuten an, dass sie des Stroms nicht mehr Herr werden und internationale Hilfe benötigen.
 
Mehr und mehr Heimatlose
Im Inneren soll es gegen 2 Millionen Heimatlose geben. Genaue Zahlen gibt es nicht. Viele Vertriebene finden zunächst bei Verwandten in etwas sichereren Gebieten Unterschlupf. Doch diese Gebiete können auch in Mitleidenschaft gezogen werden. Denn die Aufständischen unterwandern sie. Die Armee sucht um jeden Preis zu verhindern, dass sie sich dauerhaft festsetzen. Sie schlägt daher früher oder später auf die "befreiten" Stadtviertel oder Ortschaften ein und zerstört sie.
 
In den inneren Städten von Damaskus und Aleppo versucht sie, in Strassenkämpfen der bewaffneten Aufständischen Herr zu werden. In kleineren Ortschaften oder in Aussenquartieren der Grossstädte geht sie mit Artillerie, Helikopterbeschuss und Bomben vor. Dort stehen keine oder nur unbedeutende Regierungszentren, die ihrer eigenen Machterhaltung dienen, auf dem Spiel, und die Bevölkerung ist überwiegend regierungsfeindlich. Deshalb glauben die Schergen des Regimes, auch sie verdiene "bestraft" zu werden.
 
Rachefeldzug gegen die Jugendlichen
Die Regierungsschergen behandeln alle jüngeren Männer in den Quartieren, die sie von den Widerstandskämpfern zurückerobern, als Feinde. Sie lassen die Regierungsmilizen auf die Wohnungen los, die durchsucht und geplündert werden. Die jungen Männer werden erschossen oder abgeführt. Den verbliebenen Frauen und Kindern wird unter Todesandrohung befohlen, ihre Haustüren nicht zu verschliessen, so dass die Regierungsmilizen jederzeit Zutritt haben. Die Frauen fürchten Vergewaltigungen.
 
Viele entschliessen sich zur Flucht. Immer mehr Flüchtlinge gibt es, die keine Verwandten haben, bei denen sie Unterschlupf finden. Manche verbringen Wochen im Freien, bevor sie Notunterkünfte finden. Der Winter, der eisigen Regen und Schneefälle bringen wird, rückt rasch näher. Die Hälfte all der Obdachlosen sind kleine Kinder.
 
Die Statistik verhüllt die Realität
Die blossen Zahlen der humanitären Statistik genügen nicht, um einen Begriff dessen zu vermitteln, wie gross die Leiden den Zivilbevölkerung sind. Man ermisst dies eher, wenn man die Schicksale der einzelnen Menschen ins Auge fasst. Die Briefe der Syrerin Joumana Maaruf, vermutlich ein Pseudonym, bieten Einblicke in die konkreten Einzelschicksale.
 
Ingace Leverrier, ein französischer Diplomat und Arabist, der Frankreich in drei arabischen Ländern gedient hat, hat die Briefe der Syrerin Joumana Maaruf ins Internet gestellt. Sie schildert darin die Menschen ihrer Umgebung, was sie selbst sieht und was sie vernimmt, herzzerreissend, Leid über Leid. Eine Tiefendimension tut sich auf, die man sträflich übergeht, wenn man blosse Zahlen anführt. Es wird überdeutlich: Die Strategie von Assad geht darauf aus, der Zivilbevölkerung soviel Leid anzutun, dass sie es aufgibt, die Bewaffneten zu unterstützen und selbst auf Befreiung zu hoffen. Ihr soll klar gemacht werden, dass bei diesem Regime kein Entkommen gibt, nur Qual auf Qual, bis alle sich ducken.
 
Kehrt die Furcht zurück?
Zu Beginn der Erhebung war zu vernehmen: die Bevölkerung habe die Furcht vor dem Repressionsapparat des Regimes verloren. Doch nun gibt es doch wieder Stimmen, die sagen: "Die Furcht greift um sich - ich fürchte mich vor dem, was bevorsteht !" Es gibt sogar solche, die fragen: "Ist denn das Ziel der Opfer wert?“ - umso mehr, als das Ziel immer schwieriger zu erreichen scheint und immer mehr an Glaubwürdigkeit verliert, je brutaler auch die Gegenseite der bewaffneten Aufständischen auftritt und zugreift.
 
Erfahren Sie unter Journal21 mehr zum Elend in Syrien.

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Arnold Hottinger

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